Buntstifte oder Pinsel – ganz ohne Diplom an der Wand
Ein Sonntagnachmittag. Auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Skizzenbuch, daneben ausgebreitete Buntstifte, und du sitzt am Fenster mit einer Tasse Tee und zeichnest einfach drauflos – ohne zu urteilen. Einmal, zweimal, dreimal. Du machst es einfach, und langsam gleicht sich dein Atem aus, und das Gedankenkarussell verstummt. Wenn du das auch nur einmal erlebt hast, weißt du genau, wovon ich spreche. Wenn nicht, aber die Kunst dich anzieht – probier es aus! Ich selbst brauchte viele Jahre, um mich zu trauen – nicht, um etwas zu lernen. Kunsttherapie ist zwar ein therapeutischer Begriff, aber Kunst als Werkzeug zur Entwicklung steht allen offen.
Klinische Kunsttherapie und alltägliche kreative Praxis – das ist nicht dasselbe
Kunsttherapie im klinischen Sinne ist eine therapeutische Methode, die von einer zertifizierten Kunsttherapeutin oder einem zertifizierten Kunsttherapeuten geleitet wird – einer Fachkraft mit entsprechender psychologischer oder pädagogischer Ausbildung und abgeschlossenen Kunsttherapie-Kursen. Diese Form der Unterstützung wird in der Arbeit mit Menschen nach Traumata, bei Depressionen, Angststörungen oder in der Psychiatrie eingesetzt. Hier ist die Anwesenheit einer Fachkraft unerlässlich – genauso wenig wie wir in der Arztpraxis die Ärztin oder den Arzt durch eigene Intuition ersetzen können.
Der persönliche Umgang mit Kunst als Form der persönlichen Entwicklung ist jedoch ein völlig anderer Bereich – wenn du selbstständig als Achtsamkeitsübung praktizieren möchtest, brauchst du keinerlei Qualifikationen. Eine Stunde mit Aquarellfarben oder ein Abend beim Ausmalen von Mandalas erfordert keine Fachkraft. Es braucht nur Lust und ein bisschen Raum. Es lohnt sich, sich gute, weiche Buntstifte und Papier oder ein Malbuch zuzulegen, das dich inspiriert. Vielleicht Motive, die dich schon einmal bewegt haben. Wichtig ist, dass die Werkzeuge griffbereit sind – sie sollten nicht tief im Schrank verstauben. Leg sie an einem Ort bereit, wo du leicht an sie herankommst, wenn du dir Zeit dafür nimmst – vielleicht am Bett, damit sie abends auf dich warten, oder auf dem Küchentisch für den Morgen. Wenn sie mit einer anderen Gewohnheit verknüpft sind, ist die Chance größer, dass sich Regelmäßigkeit einstellt.
Muss man Künstlerin oder Künstler sein, damit es wirkt?
Absolut nicht. Das ist wohl der größte Mythos, der dazu führt, dass viele Menschen diese Form der Entspannung gar nicht erst ausprobieren – weil sie sich nicht talentiert genug fühlen. Dabei zählt im therapeutischen Ansatz nicht das Ergebnis, sondern der Prozess. Was auf dem Papier entsteht, ist zweitrangig gegenüber dem, was in dir vorgeht, während du Pinsel oder Buntstift in der Hand hältst. Wenn du es ein paar Mal gemacht hast, wirst du bemerken, welche Gefühle dich begleiten und was dabei am schwierigsten ist.
Welche Techniken kannst du selbst ausprobieren?
Es gibt die Überzeugung, dass Kunst, die Gefühle befreit, ohne Ziel entsteht – sie fließt aus dem Herzen, ohne Plan. Du kannst es mit einem leeren Blatt versuchen, aber aus meiner Beobachtung sehe ich, wie schwer das für uns alle ist – in der Schule bewertet, durch unsere eigenen Überzeugungen eingeschränkt. Deshalb lohnt es sich, auf Malvorlagen oder Muster zurückzugreifen. Auch die Wahl der richtigen Vorlage – sich selbst zu fragen, was ich eigentlich mag, was mir wichtig ist – ist ein Teil der Entwicklung!
Es lohnt sich auch, auf Werkzeuge zu achten, die du einfach gerne anfasst – das macht wirklich einen Unterschied. Ein weicher Bleistift und weiche Buntstifte, ein ästhetisches Etui, immer griffbereit. Ein wunderbares Erlebnis ist die eigenhändige Auswahl von Buntstiften oder Aquarellfarben. In Kunstfachgeschäften gibt es Einzelstifte in wunderschönen Farben, die in den Standardsets nicht enthalten sind. Allein die Auswahl ist bereits ein Erlebnis – mit Farbtönen zu malen, die zu einem passen, macht nicht nur Freude, sondern verrät auch, von welchen Farben wir uns gerne umgeben. Das Etui von Bobogna wurde genau dafür geschaffen, damit jeder sein eigenes kleines Kreativ-Atelier für die persönliche Entwicklung gestalten kann.
Orte für kreatives Wachstum
Wenn es dir schwerfällt, alleine zu praktizieren, oder du Begleitung auf deinem Entwicklungsweg suchst – das ist ein guter Mittelweg. Es gibt wunderbare, erprobte Werkzeuge zur Entwicklung durch Kunst. Eines der Konzepte, das mich seit Jahren am meisten inspiriert, sind die Ateliers von Malort. Die Methode von Arno Stern ist ein malerisches Spiel in einem strukturierten Raum – regelmäßig, ohne Bewertung, unter Aufsicht einer Betreuungsperson, die an die Regeln erinnert. Oft ist es auch eine große Unterstützung, das Haus zu verlassen, ein Atelier aufzusuchen und sich einer zusätzlichen Methode zu öffnen – besonders für Menschen, die gar nicht wissen, wie sie anfangen sollen.
Mehr über Arno erfahrt ihr hier.
In Polen koordiniert der Verlag Element die Gründung neuer Ateliers.
Wann lohnt es sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Wenn das Schaffen in dir starke Unruhe, Weinen oder ein Gefühl der Überwältigung auslöst – nimm das als Signal ernst. Die eigenständige kreative Praxis ist ein wunderschönes Werkzeug zur persönlichen Entwicklung, ersetzt aber keine Psychotherapie.